Nazis an der Gedenkstätte

von Sonja

08. Juli 2026

Am Samstag, den 4. Juli 2026, habe ich auf Anregung einer Abiturientin das ehemalige Außenlager des KZ Dachau am Mühldorfer Hart besucht, einen Ort, an dem ca. 4000 Menschen getötet wurden. Unter den Zwangsarbeitern, die hier ab 1944 in mehreren Waldlagern hausen und in einem riesigen unterirdischen Bunker zur Produktion des Militärflugzeugs Messerschmitt 262 gezwungen wurden, waren auch zahlreiche ungarische Juden, die zu diesem Zweck aus dem Vernichtungslager Ausschwitz nach Mühldorf geschafft wurden, weil sie noch "arbeitsfähig" erschienen. Es sind auf der Webseite der Gedenkstätte noch Fotos eines amerikanischen Soldaten zu finden, die nach der Befreiung des Lagers am 5.Mai 1945 gemacht wurden.

Auf alle Fälle fahre ich so mit dem Rad durch ein ganz normales Waldstück mit dem mulmigen Gefühl, dass es so unwirklich erscheint, was an diesem friedlichen Ort sich zugetragen hat. Anscheinend gibt es noch Löcher der Erdhütten, Reste von Latrinen oder eine Mulde als Rest eines Massengrabs zu sehen, wo damals 2.200 tote Gefangene verscharrt wurden. Aber man sieht ohne organisierte Führung nichts so richtig, da das Gelände zum großen Teil eingezäunt ist mit dem Hinweis "Betreten verboten! Privatbesitz". Der große Bunkerbogen, der den Ort markiert, an dem die tödliche Zwangsarbeit verrichtet werden musste, befindet sich auch hinter einem Zaun, ist aber gut erkennbar.

Dort angekommen treffe ich (zusammen mit meinem Mann) auf eine lustige Reisegruppe aus Glauchau in Sachsen, die Bier trinkend laut feiert, lacht und grölt. Alter Reflex einer Lehrerin im Endstadium: erstmal zurechtweisen und belehren. Ob sie nicht wissen, was hier geschehen sei, welche Verbrechen hier begangen wurden und dass sie doch bitte diesen Ort nicht besudeln und das Gedenken an die Opfer nicht schänden mögen. Einer aus der Gruppe war schon hinter den Zaun auf den Bunkerbogen geklettert, um dann - ich werde immer noch wütend - den Arm zum Hitlergruß zu heben und "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" zu brüllen. Spätestens jetzt verlor auch mein Mann die Fassung (und Vorsicht) und brüllte etwas unflätig in der Wortwahl, inhaltlich jedoch sehr angemessen zurück.

Kurz zum weiteren Geschehen: ich mache Fotos der lustigen Reisegruppe, es entspinnt sich ein "Gespräch", in dessen Verlauf ich mich höllisch aufregen muss und schimpfe wie ein Rumpelstilzchen. Die Nazis dagegen reagieren überheblich, selbstbewusst und arrogant (im Nachhinein natürlich immer noch besser als gewaltbereit), machen sich lustig ("Du bist wohl eher so eine historisch Bewanderte") und argumentieren allen Ernstes so: "Wir leben in einer Demokratie. Da gilt Meinungsfreiheit".

Was mich seitdem beschäftigt, ist meine rhetorische Unfähigkeit in diesem Moment, in dem ich emotional so völlig außer mir war. Ein paar Mitglieder der lustigen Reisegruppe, die eher so wie Mitläufer sich am Rande des Geschehens herumdrückten und sogar die Hinweistafel gelesen haben, hätten vielleicht zugehört. Die ganzen guten Antworten und Sätze kamen erst viel später in mein blockiertes Gehirn. Stattdessen habe ich in der Aufregung auch Pauschalurteile über Ostdeutsche herumgeplärrt, auf die ich nicht sehr stolz bin.

Wenn diese Menschen jetzt immer mehr werden sollten... vielleicht wäre ein Rhetorik-Kurs "Wie rede ich mit Rechten, die noch mit sich reden lassen?" pädagogisch in Zukunft auch wichtig. Ich hatte seit der großen Demonstration von Rechten gegen die Wehrmachtsaustellung in München eigentlich keinen direkten Kontakt mehr mit Nazis und da war ich unter sehr vielen Gegendemonstranten und nicht allein mit denen im Wald.

Das Ende der Geschichte: Als schließlich alle Mitglieder der lustigen Reisegruppe (widerrechtlich) über den Zaun geklettert waren um das Gelände heimzusuchen, hatte ich Gottseidank die Idee, noch die Kennzeichen ihrer Fahrzeuge zu fotografieren und die Polizei zu verständigen. Diese sind der Sache auch weiter nachgegangen und das Mindeste, was die lustige Reisegruppe erwartet, ist eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn die Polizei nicht reagiert hätte, ich will einfach weiter glauben dürfen, dass der Rechtsstaat noch funktioniert.